Woher die slawischen Bevölkerungsgruppen kamen ist in der Literatur umstritten. Anhand archäologischer Zeugnisse wird eine Besiedlung bestimmter Gebiete in den Bereichen Schleswig-Holstein, Niedersachen und Mecklenburg-Vorpommern ab dem 6./7. Jahrhundert angenommen. Zumindest einige dieser Landstriche waren völlig unbewohnt und boten gute Lebensbedingungen. Ostholstein, das Wendland, Mecklenburg Vorpommern sind Beispiele für Gebiete, die Besiedelt worden sind und wo die slawische/wendische Bevölkerung über lange Zeit behaupten kann. Hier entstanden Frühstädte wie Oldenburg i.H./Starigard oder das sagenhafte Vineta und viele ländliche Ansiedlungen.
Woher stammen die Informationen?
Die Ergebnisse der archäologischen Forschung und die Auswertungen zeitgenössisch entstandener Schriftquellen bilden die Grundlage bei der Annäherung an ein Lebensbild. Allerdings müssen insbesondere für die Slawen/Wenden alle Quellen unter besonderen Vorzeichen betrachtet werden. Schriftzeugnisse stammen aus dem christlichen klerikalen Umfeld - und wurden daher von der "Gegenseite" verfasst. Wir kennen zwar materielle Hinweise auf den Gebrauch von Schrift (Griffel, Buchbeschläge), direkte Aufzeichnungen sind jedoch nicht überliefert. Insbesondere zur Bekleidung sind die Hinweise spärlich. Zeitgenössische Bildwerke gibt es nur sehr wenige, die Sitte der (häufig beigabenlosen) Brandbestattung überliefert keine Trachtbestandteile aus Metall in "Trageposition". Trotz aller Einschränkungen sind durch die Forschung viele Zusammenhänge erschlossen worden, die sich für den Bereich der Sachkultur umsetzen lassen.
Was unterschied die Wenden/Slawen von ihren Nachbarn?
Für das frühe Mittelalter ist sicher an erster Stelle der Glauben zu nennen - die meisten Bevölkerungsgruppen waren nicht oder sehr lange nicht dem christlichen Glauben verbunden. Über die Heiligtümer und Bräuche überliefern christliche Chronisten detaillierte Schilderungen, die auf eine Vielzahl unterschiedlicher Kulte schließen lassen. Auf Rügen wurde in der Tempelburg der Gott Svantevit verehrt, in der Nähe von Oldenburg befand sich das Heiligtum des Gottes Prove. Für Zeitgenossen waren die slawischen/wendischen Nachbarn an Schmuck und Kleidung erkennbar. Bei der Ausführung und Verzierung von Alltagsgegenständen wie Kochtöpfen und Holzgeschirr wurden andere Formen und Muster bevorzugt. Bei der Bestellung der Felder und im Hausbau gab es Unterschiede, ebenso wie in den Bräuchen um die Toten. Die eigene Sprache hielt sich in einigen Gegenden noch bis in die Neuzeit (z.B. im Hannoverschen Wendland bis ins 18. Jh., in der Lausitz bis heute).
Bei den Slawen/Wenden gab ebenso wohlhabende Mitglieder der Gesellschaft wie einfache Leute. Die nobiles, eine in Ihrer Funktion dem Adel vergleichbare Oberschicht, konnten über den Fernhandel auf Waren aus der gesamten bekannten Welt zugreifen. Waffen, Reitpferde und seetüchtige Schiffe bestimmten das Lebensumfeld. Es lassen sich die verschiedensten Handwerke nachweisen: Knochen-, Geweih- und Bernsteinbearbeitung, Schmiede, Holzschnitzereien, Töpferei, textiles Handwerk. Vielfältige Informationen liegen aber auch zur Landwirtschaft und Fischerei vor.
Wie lange konnten die Slawen/Wenden ihre die Eigenständigkeit behaupten?
Generell lässt sich diese Frage nicht beantworten. Einige Gebiete wurden mehrfach einer anderen Oberhoheit angeschlossen. Ein Wendepunkt war sicher der Aufruf zum Wendenkreuzzug im Jahr 1147. Als Folge der offensiven Politik verlieren die noch verbliebenen slawischen/wendischen Verbände ihre Eigenständigkeit. Kulturelle Besonderheiten, abweichende Rechtsstellungen und schließlich besondere Orts- und Gewässernamen lassen sich durch das gesamte Mittelalter hindurch - in einigen Gebieten bis in die Neuzeit - nachweisen. |