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Bevor die ersten Römer norddeutschen Boden betraten, gelangten deren Produkte in dieses Gebiet. Handwerkliche Erzeugnisse, speziell Objekte, die die germanische Handwerkskunst nicht vermochte in dieser Form herzustellen. Metallene Schank- und Kochgefäße (Situlen, Kessel, Becher) und anderes waren beliebte Handelswaren oder auch diplomatische Geschenke an wichtige Vertreter von Stämmen oder einflußreiche Personen. Die germanischen Brandgräberfelder aus dieser Zeit führen neben Keramikgefäßen, Trachtbestandteilen und Waffen in unterschiedlichen Anteilen nun auch solche Importwaren. Anstatt der üblichen Urne aus Keramik wurde gelegentlich ein römischer Bronzekessel für die Aufnahme des Leichenbrandes verwendet. Auch Trachtbestandteile und Waffen stammen zunehmend aus römischer Fertigung oder wurden nach römischem Muster gefertigt. War früher keltischer Einfluß in der handwerklichen Produktion festzustellen, ist es nun der römische. Im Gegenzug zum römischen Import wurden begehrte Naturprodukte, wie Bernstein, blondes Frauenhaar, Felle aber auch Sklaven an die Römer verhandelt.
Das römische Kaiserreich wurde durch Caesars Großneffen Augustus im Jahr 27 v. Chr. nach einer langen Zeit des Bürgerkrieges gegründet. Anstelle der mehr als 400 Jahre währenden römischen Republik begann nun die Epoche der römischen Kaiser. Es folgte eine längere Friedensphase (Pax Augusta) und die Konsolidierung und Neuorganisation der bis dahin eroberten Gebiete im Mittelmeerraum und Westeuropa. Gallien wurde eine wichtige römische Provinz mit dem Rhein als Nord- und Westgrenze. Dazu gehört auch die Gründung der Stadt Colonia Claudia Ara Agrippinensum (Köln). Mit dem Alpenfeldzug von 15. v.Chr. unter der Führung der kaiserlichen Stiefsöhne Drusus und Tiberius wird das Barbaricum betreten und die Donau erreicht. Galt dieser Feldzug noch der Unterwerfung keltischer Alpenvölker, war nun die Ausgangbasis geschaffen für weitere Vorstöße nach Germania Magna. Auslöser für diese Feldzüge war eine Niederlage des gallischen Statthalters Lollius im Jahr 16 oder 17 v. Chr. bei seinem Versuch, sich einem Einfall von den germanischen Stämmen der Sugambrer, Tenkterer und Usipeter auf linkrheinisches Gebiet entgegenzustellen. Dies markiert den Beginn des Germanischen Krieges, wie diese Phase der römisch-germanischen Konfrontation bis 16 n. Chr. heutzutage auch bezeichnet wird. Beide Feldherren führten in den Jahren 12 v. Chr. - 4 n. Chr. mehrere Feldzüge, die Drusus bis an die Elbe brachten und mit der Unterwerfung der Friesen, Chauken, Brukterer, Marser, Chatten und der Cherusker endeten. Drusus starb bereits 9 v. Chr.
In der folgenden relativen Ruhephase, die offenbar auch vom Geschick der eingesetzten römischen Statthalter abhing, wurden Städte wie bei Waldgirmes in Hessen neugründet oder ausgebaut wie Xanten, Köln, Koblenz, Mainz und andere. Verschiedene Militärlager, die teilweise schon während der Feldzüge genutzt wurden, bauten die Römer aus, um die Kontrolle über das unruhige und noch zu erschließende Gebiet langfristig zu erhalten. Dazu gehören Haltern an der Lippe, Vetera bei Xanten, aber auch das jüngst entdeckte Lager bei Hedemünden in Südniedersachsen. Es ist nicht sicher zu entscheiden, ob es Augustus tatsächlich um eine endgültige Besetzung und Einverleibung der eroberten Gebiete ging, aber bei der Entdeckung der Stadtgründung bei Waldgirmes, geht man heute davon aus, daß es sich um den Verwaltungssitz für die eroberten Gebiete handelt. In Germania Magna gab es selbst keine nennenswerte Hauptorte oder eine Infrastruktur, die die Römer einfach hätten übernehmen können. Der Provinzialisierungsprozeß nahm dennoch seinen Lauf.
Die im eroberten Gebiet errichteten Lager bildeten stattdessen die Knotenpunkte der neuen Infrastruktur. Meist waren ganze Legionen in festen Lagern untergebracht. Zur Versorgung dienten vorallem Flüsse wie die Lippe, der Rhein oder die Werra, an denen sich die wichtigsten Lager befanden. Mit den Soldaten kamen auch Zivilsten, die z.B. von Dienstleistungen für die Armee lebten. Zudem stellten die Lager auch einen Wirtschaftsfaktor für die "befriedete" Bevölkerung dar, die ihrerseits die Standorte mit Naturprodukten belieferte. So entstanden in den relativen Ruhephasen Siedlungen (lat. vicus) rund um die Lagerstandorte. Archäologisch ist nachweisbar, wie sehr Lager und Siedlungen als Drehscheibe für Handelswaren dienten. Über diese Lager wurde auch Diplomatie betrieben, sie dienten als Ausgangspunkt für regelmäßige Militärexpeditionen in die unterworfenen Gebiete. Mit den Legionen setze der Statthalter Gesetze durch und schaffte "Ordnung".
Trotz alledem war es möglich, daß es zu einem Aufstand einiger norddeutscher Stämme unter dem bekannten adeligen Cherusker Arminius kam. Nach Auskunft der römischen Geschichtsschreibung war auch das Mißmanagement des damaligen Statthalters Quintilius Varus dafür verantwortlich. An Arminius Person kann man beobachten, wie die jüngere Generation der stammesführenden Familien gezielt durch die neuen Machthaber zu römischen Bürgern erzogen wurde. Dennoch stellte sich Arminius nicht nur an die Spitze des Aufstandes, sondern hat diesen offenbar auch organisiert. Nach der für die Römer vernichtenden Schlacht im saltus teutoburgensis 9. nach Christus, in der drei Legionen und neun Auxiliareinheiten, insgesamt vielleicht 15.000 bis 20.000 Soldaten untergingen, zogen sich das römische Militär und die Verwaltung hinter die Rheinlinie zurück. Der Provinzialisierungsprozeß kam plötzlich zum Ende, Waldgirmes und einige Militärlager wurden aufgegeben. Der Ort der Varusschlacht kann heute mit dem Fundort Kalkriese bei Osnabrück in Verbindung gebracht werden. Die seit 1987 gemachten Funde gehören mehrheitlich zur römischen Militärausrüstung, aber auch ein umfangreicher Troß mit Zivilisten, Handwerkern und Frauen konnte nachgewiesen werden. Münzfunde und nachbestattete menschliche Skelettteile sind dabei wichtige Indizien, die Kalkriese als Ort der Schlacht mehr als wahrscheinlich machen.
Erst fünf Jahre später und nach dem Tode des Augustus holte der neue Kaiser Tiberius zum Vergeltungsschlag aus und beauftragte dazu seinen Adoptivsohn und Feldherrn Germanicus. Man geht heute nicht mehr davon aus, daß es sich tatsächlich um den Versuch einer Rückeroberung handelte. In mehreren Feldzügen zwischen 14 und 16 n.Chr. , die mit tiefen Vorstößen zu Lande und über die Nordseeküste erfolgten, zeitweilig den Einsatz von acht Legionen sahen und erheblicher logistischer Anstrengungen bedurften, konnte der germanische Stammesbund unter Arminius strategisch nie besiegt werden, auch wenn verheerende Zerstörungen der Siedlungsgebiete die Folge waren und Germanicus einige taktische Siege für sich verbuchen konnte . Am Ende wurden die Feldzüge eingestellt und die Germanen sich selbst überlassen. Schon das Folgejahr zeigte deutlich, daß trotz des Sieges keine einheitliche Linie im Vorgehen der aufständischen Germanen vorhanden war. Führungsansprüche und andere Differenzen zwischen Arminius und dem Markomannen Marbod, dem ersten germanischen König mit einem stehenden Heer im Raum des heutigen Tschechien führten zu einer weiteren Schlacht. Arminius ging zwar als Sieger hervor, verlor aber später sein Leben, da selbst in seinem Stamm seine Machtansprüche nicht gebilligt wurden. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus, dem wir eine Menge Nachrichten über die Germanen und dieser Zeit verdanken, meinte dann auch, daß es Roms Glück sei, daß sich die germanischen Stämme untereinander stritten und nicht gemeinsam Rom bedrohten.
Die germanischen Stämme wurden weiterhin von den römischen Kaisern als potentielle Gefahr betrachtet. So begannen sie seit etwa 81 n. Chr. mit dem Bau des Limes, um eine bessere Kontrolle über den Grenzverkehr zum nunmehr unbesetzten germanischen Gebiet ausüben zu können. Es folgten in den folgenden Jahrzehnten weitere Abschnitte und Ausbauten mit Palisaden, Mauern, Gräben, Wachtürmen und Lagern unterschiedlicher Größe. Reste dieser Grenzlinie und verschiedener Lager prägen zum Teil noch heute das Landschaftsbild und liefern wichtige Einsichten in das alltägliche Leben der dort Dienst tuenden Legionäre. Seit 2005 ist der Obergermanisch-Raetische Limes als Weltkulturerbe verzeichnet.
Diese Grenze wurde immer wieder von Germanen durchbrochen, meist für Raubzüge, aber später auch im Laufe von Invasionen zur Landnahme. Die Grenzlinie wurde dann zurückverlegt, um dem Rechnung zu tragen und auch weil das römische Imperium immer weniger in der Lage war, diese Grenze gegen die Germanen zu verteidigen. Zwischenzeitlich wurde von Rom aus eine Politik der Umsiedlung von "romfreundlichen" Stämmen vor die Grenzlinie zur Vorfeldsicherung betrieben.
Im Laufe der Jahrhunderte nach Roms Rückzug aus der Magna Germania, geriet auch die die imperiale Führung in Turbulenzen. Verschiedene Kaiser lösten sich meist blutig an der Spitze ab. Einer Junta ähnlich konnte das römische Militär immer stärker Einfluß auf die Besetzung des Kaiserthrones nehmen. Eine Folge war dann auch die verstärkte Interessenswahrnehmung des Militärs durch ihre eingesetzten Kaiser, die mitunter in militärische Abenteuer außerhalb der Reichsgrenzen mündeten. Von Feldzügen jenseits des Limes im dritten Jahrhundert n. Chr. berichteten römische Geschichtsschreiber immer wieder. Sie dienten sicher auch der Vorfeldsicherung, nur war deren Reichweite in die Magna Germania bislang unklar.
Als ein solcher Feldzug kann der des ersten Soldatenkaisers Maximus Thrax angesehen werden, der dem germanischen Gebiet jenseits des Limes galt. Bisher ging die moderne Geschichtsforschung der Antike von einem kurzen Vorstoß vom heutigen Mainz nach Norden aus, aber seit 2008 steht mit der Entdeckung des Schlachtfeldes am Harzhorn in Südniedersachsen fest, daß tatsächlich die norddeutsche Tiefebene das Ziel war. Ob dies noch der Vorfeldsicherung diente oder doch eher dem Prestige des Soldatenkaisers mag vorläufig dahingestellt bleiben. Nach aktueller Darstellung wurde das römische Heer auf dem Rückweg von einem germanischen Kriegerverband an einem Engpaß gestellt, jedoch nicht aufgehalten. Eine Vielzahl römischer Funde militärischer Herkunft zeugen von umfangreichen Gefechten, die insgesamt keinen besonderen Eingang in die römische Geschichtschreibung gefunden haben. So kann davon ausgegangen werden, daß es noch weitere Gefechte im Laufe der Feldzüge gab, die aber auf Weiteres im Dunkel der Geschichte bleiben. Die Funde vom Harzhorn, die etwa in die Zeit um 235 n. Chr. datiert werden können, sind bislang die letzten Spuren direkten römischen Einflußes in Norddeutschland.
© Robert Brosch M.A. |