 |
|
"Neuzeit" ist, genau wie "Antike" und "Mittelalter" ein Kunstbegriff und nach dem heutigen Verständnis von Geschichte nicht mehr sinnvoll. Grundlegende Entwicklungen ziehen sich über diese Grenzen hinweg viel länger hin und überschneiden sich mit früher oder später verorteten.
Die Problematik einer starren Unterteilung wurde schon früh erkannt. Doch statt dieses Denken zu beenden, hat man es durch weitere Unterteilungen noch kompliziert. Nach der "Frühen Neuzeit", die 1500 begonnen haben soll und 1789 endete, kam die "Neuere Geschichte" (bis 1918). Der ließ man die "Neueste Geschichte" folgen, dann die "Zeitgeschichte", "Jüngste Geschichte" die bis...hmm, nun wird wird es kompliziert. In welcher Epoche leben wir dann? Und wie geht es weiter? Denn so langsam gehen uns die Begriffe aus...
|
Wie beim "Mittelalter" sind Anfang und Enddatum der "Neuzeit" anhand einiger weniger, monokausaler und teils nur regional "bedeutender Ereignisse" bestimmt.
Als Anfangsdatum wird (immer noch) in der Schule die Entdeckung Amerikas, Erfindung des Buchdrucks (1450 - also im "Mittelalter"!), Reformation (..und was ist dann mit den katholischen Ländern?), Humanismus und die "Renaissance" gelehrt. Also ein Zeitraum zwischen 1450 und 1550.
Wie problematisch so eine Festlegung ist, zeigt der Begriff der "Renaissance". In Italien beginnend Mitte des 13. Jahrhunderts (mitten im "finsteren Mittelalter"), endet sie dort 1525, beginnt aber gleichzeitig in Frankreich. Die deutsche Renaissance Anfang des 17. Jahrhunderts hingegen ist zeitgleich mit dem Barock in Süd- und Westeuropa.
|
Die "frühe Neuzeit" wird als Zeitalter der großen Entdeckungen, des Humanismus, der Renaissance und der Entstehung eines neuen Welt- und Menschenbild in Europa gesehen. Diese Sicht geht auf die Humanisten des 16. Jahrhunderts zurück, die ein sehr positives Bild von ihrer Zeit hatten, sich in "Aufbruchsstimmung" befanden und sich gerne von vermeintlich "dunklen Zeiten" davor absetzten wollten. Doch ihre Vorstellung davon beruhte auf Unkenntnis und Fehlinterpretationen.
Aus der zeitlichen Distanz erscheint es uns heute befremdlich, dass diese Selbsteinschätzung von Menschen kam, in deren Zeit die Verfolgungen der römischen Inquisition und die Hexenverfolgung, Bauern- und Glaubenskriege fielen und die Alchemie zu allerlei aberwitzigen Experimenten führte.
Sieht man aber die Neuzeit als konsequente Fortsetzung des Mittelalters, wird schnell deutlich, dass alle positiven Entwicklungen der Neuzeit (Entdeckungsreisen, kopernikanisches Weltbild, Verwissenschaftlichung der Kultur, Emanzipation des Bürgertums, frühkapitalistische Wirtschaftspraktiken und Handelstechniken, industrielle Revolution usw.) nicht aus dem Nichts entstanden sondern ihre Vorläufer- und Denker im Mittelalter hatten.
Denn Geschichte ist in heutiger Sicht und wie schon französische Historiker vor 100 Jahren postulierten eine "lange, wellenförmige Entwicklung", mit Höhen und Tiefen und keineswegs immer zum "Besserem" hin.
Und so gesehen war die frühe Neuzeit eine sehr widersprüchliche Zeit und es verwundert nicht, das in dieser von ihren Zeitgenossen so hochgelobten Zeit auch der längste und fürchterlichste Krieg Deutschland heimsuchte, ein Krieg, wie ihn Europa bis dahin noch nicht erlebt hatte. Der
Dreißigjährige Krieg... |
1789 eine Zeitenwende festzulegen macht dagegen schon Sinn, denn die französische Revolution beendet zwar nicht überall die Macht des Adels und schon gar nicht der Könige. Mit ihr beginnt aber das, was wir "bürgerliches" Zeitalter nennen. Es bringt mit sich Nationalstaatsbildungen, Industrialisierung, freie und später soziale Marktwirtschaft und Parlamentarismus und Demokratie.
Und auch eine Menge Probleme: Nationalismus und Chauvinismus, hemmungslosen Kapitalismus und Massenverelendung, Imperialismus und furchtbare Kriege.
Diese "bürgerliche" Welt wurde in Deutschland in einem langen und blutigen Krieg zu Beginn des 19. Jahrhunderts geboren, den später sogenannten "Befreiungskriegen"...
© Rainer Kasties M.A. |