1. Jh. v. Chr.
4. Jh. n. Chr.
Germanisches Leben

Die der vorrömischen Eisenzeit folgende Epoche wird als " römische Kaiserzeit" bezeichnet und beginnt in Norddeutschland etwa um Christi Geburt. Mit diesem archäologischen Begriff wird das Auftauchen römischer Importwaren im Fundspektrum bezeichnet. Einige Jahrzehnte früher setzen die ersten historischen Nachrichten aus der Hand antiker römischer und griechischer Geographen und Geschichtsschreiber über die "Germanen" ein. Damit wäre auch der Übergang von der Ur- zur Frühgeschichte erreicht. Die antiken Beschreibungen germanischer Lebensbilder und historischer Ereignisse sind eine eigene Quellengattung. Wir erfahren von germanischen Stämmen und Stammesverbänden, deren Namen, aber auch von einzelnen Personen, ihren Taten und Schicksalen. Die Bewohner Norddeutschlands tauchen im Kontakt mit der mediterranen antiken Zivilisation zum ersten Mal im Licht der Geschichte auf. Die überlieferte Geschichte stammt allerdings nicht von den Germanen selbst, sondern hauptsächlich von Römern wie Caeser, Tactitus, Plinius d. Ä. , etc. und gibt nur die römische Sicht und Interpretation der Ereignisse wieder. So wird das Gebiet jenseits des römischen Imperiums als Barbaricum zusammengefaßt, zu dem auch die Magna Germania gehört, das Gebiet in dem die Germanen lebten.

Was dort beschrieben wurde, ermöglicht auch Rückschlüsse auf die Situation in der vorrömischen Eisenzeit: Verschiedene Stämme haben sich gebildet, die ihre Identität hauptsächlich auf ihre unterschiedliche Ausübung ihres religiösen Kultes, ihre Gebietsgrenzen und vermutlich eine mythologische Herkunft ihrer Stammesführer zurückführten. Deren Gebiete indes, waren keine fest gefügten Gebilde und unterlagen Schwankungen auf Kosten "schwächerer" Stämme oder infolge gesellschaftlicher Veränderungen. Möglicherweise waren Bevölkerungsüberhänge Grund für langfristige Wanderungen ganzer Stämme auf der Suche nach neuem Siedlungsgebiet zu Lasten der angetroffenen Bevölkerung. Stämme und Stammesverbände entstanden und verschwanden oder gingen in anderen Stämmen und Verbänden auf. Diese verallgemeinerte Entwicklung kann nur vermutet werden, Tatsache ist allerdings, daß die Grenzen der germanischen materiellen Kultur sich beispielsweise entlang der Elbe immer mehr nach Süden ausbreiteten.

Die antiken Nachrichten geben auch Auskunft über die gesellschaftliche Ordnung der germanischen Stämme. Grundelement war die Hausgemeinschaft, wie sie schon für die vorrömische Eisenzeit vorstellbar ist. Eine Anzahl von Siedlungen wurden zu einem Gau (lat. pagus) zusammengefaßt, über eine Anzahl solcher Bezirke steht der Stammeshäuptling mit seiner Sippe. Es hat adelige Familien gegeben, die in dieser Struktur ihre Positionen fanden, aber auch Halbfreie und Sklaven. In der thing benannten Versammlung wurden auf unterschiedlicher Ebene gemeinsam Entscheidungen getroffen, denen sich auch Häuptlinge beugen mußten. Das Kriegerwesen kann man heute als Bauernmiliz ansehen: Nur freie Männer konnten sich je nach Reichtum eine umfangreiche Bewaffnung leisten, wobei die Lanze die traditionelle Waffe darstellte. Schwerter waren nach Aussage der Funde nur für eine Minderheit erschwinglich. Gut situierte Krieger führten den Kampf auch zu Pferd. Es waren in der Mehrheit keine Vollzeitkrieger sondern "kriegsbereite" Bauern, die wahrscheinlich auch nur für begrenzte Zeiten in den Kampf zogen und dann meist gegen andere Stämme. Ein Phänomen, welches sich in dieser Zeit entwickelte war das Gefolgschaftswesen, einer Art Kriegerbund über Stammeszugehörigkeit hinweg. Ein charismatischer Anführer konnte eine unterschiedliche Zahl Krieger um sich scharen, die ihm Gefolgschaft schworen und er seinerseits für ausreichend Beute durch Kampf sorgen mußte. Je nach Erfolg konnte eine solche Gefolgschaft recht groß und zu einem Machtfaktor in Stammesstreitigkeiten werden. Das militärische Durchsetzungsvermögen stand dann oft dem mythologischen Führungsanspruch eines Stammesfürsten gegenüber. Auch die Römer schienen Gebrauch von Gefolgschaften gemacht zu haben, konnten sie doch deren Loyalität für bare Münze kaufen und sogar in ihre Armee als Hilfstruppen integrieren.