1 n. Chr.
375 n. Chr.
Rom und Germanien - Die Cherusker und das Römische Reich I
© W. Pollak

Thema: 2000 Jahre "Varusschlacht"

Das runde Jubiläum gibt Anlass, sich mit der Geschichte von Römern und Germanen zu beschäftigen. Hier ist aber nicht die Varusschlacht selbst das Thema. Hier sollen germanische und römische Spuren mit Bezug zum Braunschweiger Land zwischen Harz und Heide vorgestellt werden.


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Stammesgebiete der Germanen

Der schriftlichen Überlieferung nach siedelten die Cherusker an der Weser, die Langobarden an der nördlichen Elbe, die Hermunduren an der mittleren Elbe. In der Archäologie werden nach der materiellen Hinterlassenschaft Rhein-Weser-Germanen und Elbgermanen unterschieden.

Die archäologischen Spuren im Okerland zeigen zum Teil eine Durchmischung dieser Gruppen. Wenn man die Rhein-Weser-Germanen westlich der Oker als Cherusker auffasst, wie das in der Literatur oft geschieht, dann haben Bewohner des westlichen Braunschweiger Landes an den ganzen römischen Germanenkriegen Anteil gehabt.

Die Nordelbgermanen werden mit den Langobarden, die Mittelelbgermanen mit den Hermunduren identifiziert.

Germanisches Leben im Spiegel ausgewählter Ausgrabungen
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Der Archäologe des Braunschweigischen Landesmuseums Wolf-Dieter Steinmetz untersucht zusammen mit den "Freunden der Archäologie im Braunschweiger Land e.V." Spuren einer vorgeschichtlichen Befestigung am Rand der Okerniederung bei Schladen bzw. Isingerode. Die Masse der Funde datiert in die jüngere Bronze- und frühe Eisenzeit (1200-600 v. Chr.), in eine Zeit also, in der Rom gerade erst "gegründet" worden war. (Sagenhafte Gründung Roms: 753 v. Chr.)

Erstaunlich war festzustellen, dass die seit Jahrhunderten verfallene Befestigung in der Zeit um Christi Geburt erneuert wurde. Eine Ausbauphase des Wehrgrabens enthielt ausschließlich Keramikscherben mit Merkmalen der Zeit der frühen römischen Germanenkriege. Die Funde sind den Mittelelbgermanen, den Hermunduren zuzuordnen.

Im Gegensatz zu den Römern, die jeden Platz, an dem sie sich aufhielten, befestigten, war die Anlage von Wällen und Gräben bei den Germanen eher unüblich. Warum errichteten sie also ausgerechnet an diesem Platz ein Fort? Man konnte von hier aus gut die schon in vorgeschichtlicher Zeit genutzte Okerfuhrt bei Schladen überwachen. Ein Zusammenhang mit römischen Vorstößen Richtung Elbe, vor allem mit dem Drususfeldzug im Jahre 9 v.Chr. ist nicht auszuschließen. Auch könnte an den für das Jahr 17 n.Chr. überlieferten Krieg zwischen Weser- und Elbgermanen gedacht werden.

Ob die weiteren Ausgrabungen neue Hinweise liefern, oder aber ob weitere Spuren dieser Zeit längst zerstört sind, bleibt abzuwarten.


Ähnliche Keramik wie in Isingerode findet sich auch auf dem Urnenfriedhof von Heimburg bei Blankenburg (heute in Sachsen Anhalt). Populär gesprochen gehörten die hier bestatteten Germanen zum gleichen Stamm, wie die Isingeroder. Ein reich ausgestattetes Grab des bereits 1934/35 untersuchten Gräberfeldes aus der Zeit um Christi Geburt sticht besonders hervor.

Die Asche des verbrannten Toten (in dieser Zeit herrscht die Feuerbestattung vor) war nicht in einer tönernen Urne, sondern in einem Bronzekessel provinzialrömischer Herkunft bestattet. Das Grab enthielt als Beigaben die Reste dessen, was wir als vollständige Waffenausstattung eines adligen Kriegers ansehen: Ein rituell verbogenes Schwert, eine Lanzenspitze, ein Schildbuckel und acht Schildnägel.

Gut möglich, dass der römische Bronzekessel als Kriegsbeute in den Besitz des Kriegers gelangte. Die besondere "Urne" unterstreicht genauso wie die Waffenausstattung die hervorgehobene Stellung des Toten. Führte er seine Gefolgschaft gegen Drusus? War er unter den Männern, die mit Arminius den Varus besiegten? Oder kämpfte er später gegen die Truppen des Germanicus? Er könnte genauso gut Söldner in römischen Diensten gewesen sein, der später in die Heimat am Harz zurückkehrte.

Bald nach dem Ende der Germanenkriege unter Augustus und Tiberius verliert die römische Geschichtsschreibung unsere Region gänzlich aus dem Auge. An der Wende zum dritten Jahrhundert nach Christus kommt es im inneren Germanien zu kulturellen Umbrüchen und Bevölkerungsverschiebungen, die bald auch an den inzwischen gefestigten Grenzen des römischen Imperiums spürbar werden. Kriegerische Gruppen bedrängen das römische Reichsgebiet.

Germanische Graburne der späten Kaiserzeit im Fundzustand

Auch im Braunschweiger Land ist es zu Veränderungen gekommen. Am deutlichsten ist das erkennbar an den großen germanischen Urnenfriedhöfen, deren Belegung im dritten Jahrhundert beginnt. Sie werden über viele Generationen bis ins sechste Jahrhundert durchgängig benutzt.

Im Jahr 2008 wurde der Urnenfriedhof am Thiedebach großflächig im Vorfeld von Autobahnbaumaßnahmen untersucht. Er war als Bodendenkmal von alten Oberflächenfunden, kleineren Altgrabungen und einer Voruntersuchung im Jahr 2005 bekannt. Was aber 2008 hier festgestellt werden konnte, überstieg alle Erwartungen.

Mehr als 1500 Bestattungen konnten dokumentiert werden. Dabei schätzt der Archäologe Jörg Weber, Grabungsleiter des Projektes, dass der Friedhof ursprünglich gut viermal so groß gewesen sei.

Vorläufig kann man feststellen: Im dritten Jahrhundert setzt ein neuer Besiedlungsabschnitt in unserer Region ein. Die Bevölkerung kannte größere Gemeinschaften und entwickelte sich kontinuierlich bis ins sechste Jahrhundert. Die Beigabenarmut der Gräber, nicht auf tatsächliche Armut der Bevölkerung, sondern auf die Bräuche der Zeit zurückzuführen, schränkt die Aussagemöglichkeiten ein. "Römische" Objekte konnten bei noch laufender Auswertung bisher nicht festgestellt werden.

Der Friedhof am Thiedebach steht für eine über lange Zeiträume ortsfeste, sesshafte germanische Bevölkerung, der Opferplatz am Bullenteich für "wandernde Germanen auf der Durchreise" - ein Nebeneinander völlig unterschiedlicher Lebensweisen. Der Kontakt zum römischen Kulturbereich scheint nur sehr mittelbar bestanden zu haben. Im Jahr 2008 aber wurde durch aufsehenerregende Funde deutlich: Rom kann unerwartet und plötzlich sehr nah sein.

Im Norden des Braunschweiger Stadtgebietes liegt ein besonderer Fundplatz, der ebenfalls in diese Zeit fällt. Die bemerkenswerten Funde sind schon vor mehr als hundert Jahren bei Erdarbeiten geborgen worden. Östlich hinter dem VW-Werk in Braunschweig befindet sich das als Naturschutzgebiet abgesperrte Gelände, in dem der schon stark verlandete "Bullenteich" liegt.

Am Rande dieses Teiches wurde eine ganze Reihe von Metallobjekten gefunden, darunter vier römische Münzen und mehr als ein Dutzend Fibeln. Der Archäologe Klaus Raddatz hat vor wenigen Jahren die Altfunde neu untersucht, und herausgestellt, dass hier in der beginnenden Völkerwanderungszeit die Frauen einer ursprüngliche weit aus dem Osten Germaniens stammenden Gruppe Opfer darbrachten. Die römischen Münzen, die auf unbekannten Umwegen in den Besitz der Germaninnen gelangt waren, sind nicht als Geld, sondern eher als Schmuck aufzufassen.

Dass die germanischen Bewohner des Okerlandes sporadischen Kontakt mit der römischen Kultur hatten, steht außer Frage. Wahrscheinlich kämpften einzelne von ihnen oder auch größere Gefolgschaften gegen römische Truppen, vielleicht sogar in der berüchtigten Varusschlacht. Wahrscheinlich waren sie auch umgekehrt Söldner in römischen Diensten. Mutige Händler aus den römischen Provinzen bereisten unsere Region. Zumindest im Jahr 9 v. Chr. Wird ein großes römisches Heer die Oker überquert haben...weiter