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Bald nach dem Ende der Germanenkriege unter Augustus und Tiberius verliert die römische Geschichtsschreibung unsere Region gänzlich aus dem Auge. An der Wende zum dritten Jahrhundert nach Christus kommt es im inneren Germanien zu kulturellen Umbrüchen und Bevölkerungsverschiebungen, die bald auch an den inzwischen gefestigten Grenzen des römischen Imperiums spürbar werden. Kriegerische Gruppen bedrängen das römische Reichsgebiet.
Auch im Braunschweiger Land ist es zu Veränderungen gekommen. Am deutlichsten ist das erkennbar an den großen germanischen Urnenfriedhöfen, deren Belegung im dritten Jahrhundert beginnt. Sie werden über viele Generationen bis ins sechste Jahrhundert durchgängig benutzt.
Im Jahr 2008 wurde der Urnenfriedhof am Thiedebach großflächig im Vorfeld von Autobahnbaumaßnahmen untersucht. Er war als Bodendenkmal von alten Oberflächenfunden, kleineren Altgrabungen und einer Voruntersuchung im Jahr 2005 bekannt. Was aber 2008 hier festgestellt werden konnte, überstieg alle Erwartungen.
Mehr als 1500 Bestattungen konnten dokumentiert werden. Dabei schätzt der Archäologe Jörg Weber, Grabungsleiter des Projektes, dass der Friedhof ursprünglich gut viermal so groß gewesen sei.
Vorläufig kann man feststellen: Im dritten Jahrhundert setzt ein neuer Besiedlungsabschnitt in unserer Region ein. Die Bevölkerung kannte größere Gemeinschaften und entwickelte sich kontinuierlich bis ins sechste Jahrhundert. Die Beigabenarmut der Gräber, nicht auf tatsächliche Armut der Bevölkerung, sondern auf die Bräuche der Zeit zurückzuführen, schränkt die Aussagemöglichkeiten ein. "Römische" Objekte konnten bei noch laufender Auswertung bisher nicht festgestellt werden.
Der Friedhof am Thiedebach steht für eine über lange Zeiträume ortsfeste, sesshafte germanische Bevölkerung, der Opferplatz am Bullenteich für "wandernde Germanen auf der Durchreise" - ein Nebeneinander völlig unterschiedlicher Lebensweisen. Der Kontakt zum römischen Kulturbereich scheint nur sehr mittelbar bestanden zu haben.
Im Jahr 2008 aber wurde durch aufsehenerregende Funde deutlich: Rom kann unerwartet und plötzlich sehr nah sein.
Im Norden des Braunschweiger Stadtgebietes liegt ein besonderer Fundplatz, der ebenfalls in diese Zeit fällt. Die bemerkenswerten Funde sind schon vor mehr als hundert Jahren bei Erdarbeiten geborgen worden. Östlich hinter dem VW-Werk in Braunschweig befindet sich das als Naturschutzgebiet abgesperrte Gelände, in dem der schon stark verlandete "Bullenteich" liegt.
Am Rande dieses Teiches wurde eine ganze Reihe von Metallobjekten gefunden, darunter vier römische Münzen und mehr als ein Dutzend Fibeln. Der Archäologe Klaus Raddatz hat vor wenigen Jahren die Altfunde neu untersucht, und herausgestellt, dass hier in der beginnenden Völkerwanderungszeit die Frauen einer ursprüngliche weit aus dem Osten Germaniens stammenden Gruppe Opfer darbrachten. Die römischen Münzen, die auf unbekannten Umwegen in den Besitz der Germaninnen gelangt waren, sind nicht als Geld, sondern eher als Schmuck aufzufassen.
Dass die germanischen Bewohner des Okerlandes sporadischen Kontakt mit der römischen Kultur hatten, steht außer Frage. Wahrscheinlich kämpften einzelne von ihnen oder auch größere Gefolgschaften gegen römische Truppen, vielleicht sogar in der berüchtigten Varusschlacht. Wahrscheinlich waren sie auch umgekehrt Söldner in römischen Diensten. Mutige Händler aus den römischen Provinzen bereisten unsere Region. Zumindest im Jahr 9 v. Chr. Wird ein großes römisches Heer die Oker überquert haben...weiter
Lothar Jungeblut. Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land e.V. |