1430
1530 n. Chr.
Handel bringt Wandel - Die Geburt der Moderne

Roland von Bremen (Bildrechte R. Vruntlike Tohopesate) Wirtschaft
Seit dem 13. Jh. war die Geldwirtschaft nicht mehr aufzuhalten. Damit einher gingen Einführung der arabischen Zahlen, des modernen Rechnungswesen (doppelte Buchführung) und eines weit verzweigten Bankenwesens, welches Kredite, bargeldlosen Geldtransfer und Wechsel ermöglichte. Die "Weltwirtschaft" boomte. Die Hanse und die norditalienischen Seestädte beherrschen vollständig den Seehandel von China bis Island, vom Nordkap bis zum Äquator. Handelskontakte knüpfte man auf den große überregionalen Messen Auf den Märkten der großen Städte gab es fast alles zu kaufen. Und selbst die englische Krone war nun käuflich!

Verwaltung
Grundlage des Aufstiegs der Städte war die Ausbildung eines effektiven Verwaltungsapparates. Im 14. und 15. Jh. entstand unsere heutigen Kommunalverwaltung. Rat, Ausschüsse, Kämmerei, Ordnungswesen, Registratur, Stadtarchiv, der "öffentliche Dienst" schlechthin sowie Hypotheken- und Katasterbücher haben sich bis heute fast unverändert gehalten.

Die Finanzverwaltung oblag den jährlich wechselnden Stadtkämmerern (Löhne, Marstall, Rente- und Leibgeding). Sie rechneten über die Ein- und Ausgaben der Stadt in den Steuer-, Lohn-, Marstall-, Pfand- und Rentenregistern ab. Die Stadtschreiberei erstellte Urkunden, Verträge sowie die Einträge in Stadt-, Kopial-, Ratsdenke-, Bürger-, Statuten- und Katasterbücher.

Scriverie (Bildrechte R. Kasties)

Da man jederzeit in der Lage sein musste sich über die Rechte der Stadt und ihrer Bürger Auskunft zu verschaffen, wurden die Verwaltungsakten im Stadtarchiv verwahrt, welches in die Kompetenz des Kämmerers, seltener des Stadtsschreibers fiel. Die schnell wachsenden Bestände deponierte man in einem Turm, Kirche oder einem speziellem Zweckbau. Die Archive gehören damit zu den ältesten kommunalen Einrichtungen (Hannover vor 1300, Köln 1408).

Geschrieben wurde vorwiegend auf Papier. Papiermühlen sorgten im 15. Jahrhundert - mit ca. 100jähriger Verspätung gegenüber Westeuropa - in Deutschland für eine flächendeckende Versorgung. Nur besondere Dokumente schrieb man weiter auf das teure, aber unendlich haltbare Pergament.


Notiz über die Glevynge (zu stellendes Aufgebot) der Städte. Zur Erklärung ist beigefügt: Ein Glevynge macht 3 Pferde, das ist ein Herr, ein Knecht und ein Junge., 1. Hälfte 15. Jh. - Stadtarchiv Hannover, NAB 8234, Buch 1/110

Städtebünde, Hanse, Tohopesaten
Der Niedergang des dt. Königtums führte seit dem 13. Jh. zur Bildung von Städtebünden. Ziel war die Sicherung des Friedens und Handels sowie Schutz vor den erstarkenden Territorialherren. Der ursprüngl. als "Deutsche Hanse" auftretende Kaufmannsbund wandelte sich im 14. Jh. zu einem Städtezusammenschluss. Es gibt kein "offizielles" Gründungsdatum, als Städtebund tritt die Hanse erst im 14. Jh. auf den "Hansetagen" in Erscheinung. Es war ein lockerer Verband nord-, nordwest- und nordostdeutscher Städte zur Nutzung von Handelsprivilegien und konnte wirtschaftlich großes politisches Gewicht und Druck ausüben, war aber kein politischer Körper. Es handelte sich um ein relativ locker geknüpftes Netz, das sich aber bei ernsteren Belastungen sofort zusammenzog.
Die "Tohopesaten" waren eine typisch norddeutsche Form der mittelalterlichen Städtebündnisse im 15. Jh. Die Bündnisse dienten in erster Linie wirtschaftlichen oder friedensrechtlichen Interessen. Meist waren es aber Schutz- und Hilfebündnisse. Mitglieder waren die Seestädte von Hamburg, Bremen über Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund und Danzig bis Dorpat, Riga und Reval, fast alle sächsischen (Magdeburg, Braunschweig, Halle, Halberstadt, Goslar, Göttingen, Northeim, Einbeck, Hildesheim, Hannover etc.) und westfälisch-rheinischen Städte (Münster, Dortmund, Soest, Paderborn, Herford, Minden, Osnabrück etc. bis Deventer). Man kann von einem gesamtniederdeutschen Bündnisnetzwerk sprechen. Es reichte von der dänischen Grenze bis nach Südniedersachsen und von den niederländischen bis zu den baltischen Hansestädten.

Stadtleben am Ende des "Mittelalters"
Ende des 15. Jh. hatte die städtische Gesellschaft die Weichen für die Zukunft gestellt. Die enorme Zuwanderung in die Städte hatte eine Menge Probleme mit sich gebracht. Auf Hygiene wurde schon immer sehr geachtet, wie das ausgeprägte Badewesen im Mittelalter zeigt und selbst für die Ärmsten wurde einmal die Woche ein sog. "Seelenbad" gestiftet. Schon bald sah man sich gezwungen, die Infrastruktur auszubauen. Straßen wurden gepflastert - und regelmäßig gereinigt, Wasserleitungen verlegt. Und auch das heute wieder aktuelle "Cross-Border-Leasing" - die Verpachtung kommunaler Einrichtungen - gab es schon: Städte verpachteten die Rechte an den Einnahmen aus der Wasserversorgung. Im Gegenzug musste der Pächter für Instandhaltung und Ausbau des Röhrensystems sorgen.1

Wasserversorgung, Hygiene, Sozialfürsorge, Medizin im Spätmittelalter

Streng wurde auf die jährliche Entleerung der Kloaken, die hinter jedem Haus lagen und deren Isolierung geachtet. Man hatte aus den Pestzeiten gelernt. "Industriebetriebe" wurden ausgesiedelt, erste "Umweltschutzstatuten" wurden erlassen, die Stadtwälder unter Schutz gestellt. Mit Erfolg, denn im 15. Jh. häufen sich chronikalische Meldungen darüber, dass "Flüsse wieder Fische führen", "man wieder Wäsche dort waschen kann" und sich die Stadtwälder wieder erholten.

Für die Versorgung der Alten, Armen, Kranken und Behinderten gab es in jeder Stadt gleich mehrere Hospitäler; zusätzlich zu denen der städtischen Mönchsorden und den Beginen. Neben Wundärzten (Chirurgen), Badern und Hebammen wurden im 15. Jh. zunehmend "studierte" Stadtärzte eingestellt.

Städtische Schulen bereiteten die Bürgersöhne auf ihr Studium in Heidelberg, Paris, Bologna, Cambridge vor. Durch sie wurde das römische Recht in den Städten zur Grundlage der Rechtssprechung.

Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern in der 1. Hälfte des Jh. führten zu einem rapiden Anstieg an Publikationen - und zur Einrichtung städtischer Bibliotheken.

Im 15. Jh. überschritten die Städte aber auch den Zenit ihre Unabhängigkeit und Macht. Die Territorialherren holten sich zunehmend ihre angestammten Rechte zurück. Die Erhebung Wolfenbüttels zur Residenz der braunschweigischen Welfen 1432 leitete das Ende der städtischen Autonomie ein. So sollte es allen Städten in der frühen Neuzeit ergehen

Die Darsteller
Die "Vruntlike tohopesate"

Die "Vruntlike tohopesate" ist als ein Netzwerk norddeutscher Darsteller und Gruppen spätmittelalterlichen Alltagslebens und Handwerks. Der Name bezieht sich auf die Bündnisse der 2. Hälfte des 15. Jh. die fast alle Städte des Nordens, Nordostens und -westens des ma. deutschen Reiches einbezogen. Da die überwiegende Mehrheit der nordd. Einzeldarsteller und -gruppen als zeitlichen Rahmen ihrer Darstellung das Spätmittelalter - 14. und 15. Jh. - gewählt haben und schwerpunktmäßig städtisches Leben darstellen, lag die Idee nahe, die alten Bündnisse von 13842, 1476 und 1482 "wieder zu beleben".

Die Städtebündnisse waren geographisch so weit gefasst, dass sich alle Gruppen und Einzeldarsteller von Schleswig bis Kassel und von Holland bis zur Oder davon angesprochen fühlen dürfen.
Die Tohopesaten waren eine typisch norddeutsche Ausprägung der mittelalterlichen Städtebünde. Das mnd. Tohopesate setzt sich zusammen aus tohope = "Zusammen" und sate = Vergleich, Vertrag und bedeutet "Bündnis". Immer wieder findet sich auch die Formulierung vruntlike tohopesate.3 Mit dem Zusatz vruntlike/fruntlike bedeutet es im wörtlichen Sinne "freundliches Bündnis", sinngemäß auch als "gutes Einvernehmen" zu verstehen.

Eyne vruntlike tohopesate hebben:
Ad multos annos - Osnabrugge
Amisia 1380 - Lingen
Elvelüüt - Hamborch / Leiptzgk / Koldinge
Ghescheen na goddes bord 1480 - Honovere
IG Mensch im Mittelalter (IG MiM)
Mercatura hanseatica - Hamborch
De Slote Riklinge - ebd.
Kim Wich-Glasen, de kistemeker - Rastede
De Zickermansche - Hamborch
De Leunerschen - Hamborch
Ralv Smedt, de scriver - Mindense


Vruntlike tohopesate - Netzwerk norddeutscher Darsteller spätmittelalterlichen Alltaglebens und Handwerks im 14. und 15. Jahrundert (© Vt)
Programm

Wissenschaftler und Museumsfachleute führen interessierte Besucher täglich durch die Veranstaltung.

Neben einer kurzen Einführung in das Alltagsleben im Spätmittelalter allgemein und das Städtische im Besonderen, erläutern und kommentieren sie fachkundig die Darstellung und stehen stets für Fragen zur Verfügung.

Eine interaktive Einführung in die Verarbeitung von Wolle, Flachs und Seide. Wir zeigen die Arbeitsschritte und Materialien vom Rohstoff bis zum Stoff. (IG MIM)

Besonderheiten der Bekleidung von verschiedener sozialer Bevölkerungsgruppen um die Mitte des 14. Jh. (IG MIM)

Präsentation der typischen Rüstungen und Waffen des Fußvolkes und die zugehörigen Techniken unter Einbeziehung des Publikums. (IG MIM)

Einführung in die Grundzüge des städtischen Wehrwesens, Präsentation der Wehrbekleidung und Waffen der Bürger und Stadtknechte

In der Garküche oder -braterei wird den Besuchern ein Eindruck von Technik und der Vielfalt der mittelalterlichen Küche vermittelt. Die Garbreder zeigen die Zubereitung von Gerichten des Spätmittelalters und den Gebrauch zeitgenössischen Küchengeräts.


1 Ratspersonen schließen einen Vertrag zwischen Albert Flor und den Bürgern zu Hannover, die den Lynderborn haben. Albert erhält auf zwölf Jahre die Hovetpipe und muß sich verpflichten, die alten Röhren fortzunehmen und neue zu legen. Dafür soll ihm ein jeder jährlich zehn Solidi geben. 1451, StAHan, Ratsdenkebuch 8264, 029.

2 Hans. UB 4, Nr. 755-757, S. 310 ff.

3 z.B. im Bündnis von 1483. "[…] hebben eyne fruntlike tohopesathe […]". StA Göttingen Lib. cop. pap. II. - UB Göttingen Nr. 347.